Ein diplomatischer Coup [#164]

Hofenfels hatte sich am Abend von Carl August verabschiedet und war sichtlich erleichtert und höchst zufrieden zurück nach Moosach gefahren. In dieser Nacht schlief er ausgezeichnet und erwachte am nächsten Morgen ganz gegen seine Gewohnheit erst um elf Uhr. Bei seinem späten Frühstück leistete ihm Herzogin Marianne Gesellschaft und die beiden ergingen sich in allerhand Spekulationen, wie die Nacht im Schloss Nymphenburg verlaufen sein, wer geschlafen und wer wohl kein Auge zugetan haben mochte.

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Geburt [#163]

Zuerst war da nur ein leiser Schrei im Dunkeln. Weit entfernt und unbeachtet. Ein bedeutungsloser Makel in der wattigen Dunkelheit, die so wohlig war, wie der tiefste Schlaf an einem sorgenfreien Sonntagmorgen.

Aber der Schrei blieb nicht leise. Wie sie es so an sich haben, werden Schreie lauter, wenn niemand da ist, sie zu hören. So auch dieser.

Wenn ein Schrei nur laut genug ist, wird er gehört. Das lernen Kinder als erstes.

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Zufällige Entdeckungen [#162]

In der Nacht nach dem Fund des Augenglases fand Snipgutt einfach keinen Schlaf. Immer wieder stand er auf und betrachtete die verschiedensten Dinge durch das kleine Glas. Aber nur die Ringe leuchteten in einem hellen rot, alles andere erschien normal.

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Ein Sommer in Maine [#161]

Im Fernsehen lief Silkwood. Es spielten Lollys Lieblingsschauspielerin Meryl Streep mit der gleichen Vokuhila- Frisur, wie Lolly sie als Teenager gehabt hatte, und Cher, in Lollys Augen eine unglaublich leidenschaftliche Frau. Lolly wurde ebenfalls als leidenschaftlich bezeichnet, vorzugsweise von ihrer Schwester, obwohl sie sich selbst überhaupt nichtleidenschaftlich fand. Es gab ein anderes Adjektiv, das Lolly besser beschrieb, und wäre sie katholisch gewesen, müsste sie täglich zur Beichte gehen – und zwar zweimal. Nach dem ersten Anruf in dieser Nacht tat Lolly etwas, das sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr loslassen, das sie sich nie wieder verzeihen würde.

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Die Nachtgabe [#160]

Gegen halb zwei und damit viel zu früh nach geltenden Standards unserer Altersgruppe trafen wir wieder bei mir ein. Heidi kam noch kurz hoch in meine Wohnung, weil sie ihre Jacke dort gelassen hatte, dann brach sie auf. Keine zehn Minuten später rief sie an.

„Ist alles in Ordnung bei dir?“ erkundigte sie sich.

Ihre Stimme klang besorgt. Ich hielt den Arm mit der tropfenden Zahnbürste so, dass der weiße Schaum meinen Arm hinunterlief und nicht den Teppich traf.

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Ein Abend in der Stadt [#159]

Sie nickte, um sich selbst noch einmal zu bestätigen, dass nichts Falsches an Ihrem Vorhaben war, trat in ihre Gemächer ein und lief entschlossen auf Ihren Schrank zu. Auf dem Weg dorthin warf sie im Vorbeigehen einen Blick auf ihr Abendessen. Sie nahm eine Erdbeere, biss genüsslich davon ab und dankte im Geiste Mosim, dass es solch einen Handel betrieb, dass sie selbst jetzt noch Erdbeeren auf ihrem Teller finden konnte. Sie warf sich ihr Cape und ihre Mütze über, dann verließ sie das Schloss. Vorbei an dem Wachen, die sich schon nicht mehr zu wundern schienen, warum sie ständig rein und raus rannte. Sie lief hinunter in die Stadt und sog die abendliche Luft in Ihre Lungen ein. Sie atmete tief ein und ganz langsam aus, schaute in den Himmel, dann wieder auf die unebenen Pflastersteine unter sich und rannte los. Sie rannte und rannte. Sie spürte, wie die kühle Abendluft zu einem immer kälteren Zug wurde, und lief so schnell, dass sie den Eindruck hatte, ihre Füße berührten nicht einmal mehr den Boden. Sie hatte das Gefühl zu schweben und genau das war der Moment, in dem sich ihre körperliche mit ihrer mentalen Energie verband und sich ihre Sinne schärften, als sei sie ein Tier, das sich zur Jagd aufmachte.

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Wie alles anfing [#158]

Ich weiß nicht, was mich so oft nach Damaskus gezogen hat. Waren es die Gerüche, die intensiven Farben, das bunte Treiben in den Souks, die lärmenden Wasserverkäufer, die Stille der Gärten? Oder die Vielfalt der Kulturen, das friedliche Nebeneinander der Religionen? Die schönen Frauen mit ihren dunklen, verheißungsvollen Augen, unverschleiert, nur ein seidenes Tuch um den Kopf geschlungen?

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Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Fesseln nicht [#157]

«Ja … Jason?» Ich fahre mir hastig durch die Haare, meine Wangen werden heiß. Oh mein Gott! Ich bin in einem Auktionshaus in London – nein, es heißt nicht Sotheby’s – und treffe … Jason Hall! Es ist einfach unglaublich! «Wusste ich doch, dass ich dich erkannt habe, Emma. Wie geht es dir?» Er beugt sich vor und haucht einen Kuss auf meine Wange, was mich noch mehr erröten lässt. Er riecht gut, nach Aftershave und nach Mann. Was zum Teufel tut er hier?

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Alte Freunde [#155]

Kaum einer war so kühn oder so dumm, dem großen Wald zweimal die Stirn zu bieten. Ihn schon ein einziges Mal zu betreten, davon wurde dringend abgeraten, und die meisten mieden ihn, wenn auch die Reise so um viele Tage länger war.
Einige wenige Tollkühne gab es jedoch, die fürchteten nicht Tod noch Teufel und zogen wieder und wieder durch den großen Wald. Weithin bekannt waren die Namen dieser Männer, und zu jedem davon gingen unglaubliche Geschichten um. Der berühmteste von ihnen war der blonde Widufried. Mehr und gefährlichere Abenteuer als sonst einer hatte er bestanden und davon erzählte man den Kindern vor dem Schlaf. Ein jeder wusste, wie er einst den

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