Auftrag [#112]

Frank Abarell kam natürlich viel zu spät. Die Polizei hatte die Innenstadt abgeriegelt. Niemand durfte hinein oder hinaus. Auf den Straßen herrschte das Chaos. Nur seiner Bekanntheit und dem Presseausweis hatte er es zu verdanken, dass er irgendwann doch noch im Büro von Wels erschien.

»Du bist spät.«

Genau die Begrüßung die Abarell erwartet hatte. Er holte tief Luft und wollte pflichtgetreu seine Entschuldigungsrede aufsagen. Doch Wels winkte ab und zeigte auf den Besuchersessel vor seinem wuchtigen Ebenholzschreibtisch, der seltsamerweise völlig leer geräumt war. Abarell blieb stehen und lehnte sich an die auffallend hohe Rückenlehne des Design-Sessels.

Wels schnaufte wie ein Walross, er war wohl auch gerade erst gekommen. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

»Ja, schon gut. Sieh mich nicht so an, ich weiß selbst, dass ich langsam alt werde, meine Kondition ist im völlig im Arsch. Mein Arzt meint, wenn ich so weitermache und nicht mindestens 20 Kilo abnehme, dann liege ich spätestens in zwei Jahren unter der Erde.«

Er warf sich ächzend in seinen Ledersessel.

»Aber weißt du was? Scheiß drauf!«

Er öffnete eine Schublade und griff sich eine Zigarre, schnupperte daran und legte sie wieder weg.

»Wo sind die anderen? Stehen wohl auch im Stau? Kennst du den Grund für diesen Aufruhr?«

»Ja, das Übliche. Ein Banküberfall, Geiselnahme, Schießerei, drei Tote … und wir bleiben heute unter uns.«

Sein Gesicht wurde ernst.

»Hast du gerade eine größere Story am Laufen?«, frage er unvermittelt.

Abarell wirkte überrascht.

»Nein. Warum?«

»Ich habe da etwas für dich. Hat mir vor zwei Wochen so ein Junkie zugespielt.«

»Junkie?«

Wels rang nach Atem.

»Im Tresor ganz unten, der Karton … bring ihn mal her.«

Abarell ging zum Tresor, er war offen, auch das war ungewöhnlich, nahm den Karton und stellte ihn auf den Schreibtisch.

»Darf ich?«

»Natürlich. Du sollst dich ja da durcharbeiten und herausfinden, ob etwas an der Geschichte dran ist.

»Du hast dir das sicher schon angesehen, worum geht es?«

Wels griff wieder nach der Zigarre, zündete sie an und sog ein paarmal genussvoll an ihr.

»Der Junkie …«, er machte eine Pause, »… ist Rhet Carruaca.«

Abarell hob eine Augenbraue.

»Wer?«

»Du erinnerst dich sicher an die Geschichte mit dem Mysteryvirus.«

Saudummer Name für einen Virus.

 »Sein Partner, wie hieß er doch gleich … Simon irgendwie …, wurde damals bestialisch ermordet. Er muss bei den Ermittlungen auf irgendetwas gestoßen sein …«

»Der Rhet? Simon Yann. Ich erinnere mich. Üble Sache. Die Kehle durchgeschnitten, den Bauch aufgeschlitzt, an die Bären im Zoo verfüttert. War kein schöner Anblick.«

»Den oder die Täter hat man nie gefunden. Und auch die Morde an den drei Frauen wurden nie aufgeklärt. Wie lange ist das her?«

»Es war 1992. 20 Jahre.«

»Ich dachte, Carruaca hätte Selbstmord begangen?«

Wels nickte.

»Ja, das haben wir alle geglaubt. Er ist ein paar Wochen nach diesen aufsehenerregenden Morden verschwunden. Es gab Gerüchte, dass er, wie sein Partner, getötet worden ist. Er war wohl einem Mädchenhändlerring auf der Spur, der seine Zentrale irgendwo in Südafrika gehabt haben soll. Es war auch von einer ominösen Zone 3 die Rede. Dort wurden diese Mädchen umerzogen, zu willenlosen Sklaven gemacht und an gut situierte Kunden auf der ganzen Welt verkauft. Und diese Recherchen haben ihn angeblich das Leben gekostet.

Die meisten seiner Kollegen glaubten allerdings, dass er psychisch am Ende war und Selbstmord begangen hat; eine logische Erklärung. Alkohol- und Drogenprobleme, starke Schlafmittel und Psychopharmaka. Wer hält das schon lange aus, ohne durchzudrehen?«

»Bis ich vor zwei Wochen eine Nachricht von ihm auf meiner Mobilbox fand.«

Wels griff nach seinem Telefon, wählte die Nummer der Mobilbox. Es dauerte einige Sekunden, bis man eine leise männliche Stimme hörte.

»Hans Wels? Hier ist Re Carruaca. Du erinnerst dich? Mysteryvirus und …«

 Der Mann atmete tief durch.

»… der Mord an meinem Partner. Du hast damals eine Artikelserie darüber geschrieben. Hat gedauert, bis ich deine Geheimnummer herausgefunden habe, doch … Egal, ich hab eine Story für dich. Hab ich dir damals versprochen. Bin auf etwas ganz Großes gestoßen. Mehr Morgen, Sonntag, 16:00, Stadtpark. Ich trage einen grauen Anzug und werde auf einer Bank vor dem See auf dich warten. Genau 15 Minuten. Ich hoffe, du kommst.«

 »Sehr mysteriös. Wieso ruft er nicht in der Redaktion an?«

»Ja. Doch es wird noch mysteriöser. Zuerst habe ich an einen dummen Scherz geglaubt. Doch mir war sofort klar: ein Scherz im Namen von Re? Unsinn! Wer hätte etwas davon? Also bin ich hingegangen.«

»Und er ist nicht gekommen.«

»Nein, ich habe zwei Stunden gewartet und mir jeden Parkbesucher genau angesehen. Mütter mit ihren Kindern, ein paar Rentner, die Enten fütterten und einige Obdachlose, die ich fast täglich dort sehe. Niemand, der aus dem Rahmen fiel.«

»Irgendwann war es mir zu blöd und ich bin gegangen.«

Abarell nahm eine Mappe aus dem Karton und blätterte darin.

Viel geschwärzt.

 »Wie bist du dann an diese Dokumente gekommen?«

»Ganz einfach. Er hat sie quasi vor meiner Haustür abgeladen. Nach dem Ausflug in den Park war ich noch eine Kleinigkeit essen. Erst danach bin ich zurück in die Redaktion. Der Pförtner teilte mir mit, dass ein Herr Rhet ein Paket für mich abgegeben hätte. Natürlich hat man es, laut den Bestimmungen, sofort überprüft, doch keine Auffälligkeiten gefunden und daher in mein Büro gebracht. Es gab auch nichts zu finden, außer diesen Dokumenten und den DVDs. Das war‘s. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Kein Anruf, keine Nachricht. Nichts.«

»Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es wirklich Rhet war, der mich da angerufen hat. Er, oder die Person, die sich als Rhet ausgegeben hat, wollte wohl nur sichergehen, dass ich nicht in der Redaktion bin, wenn er das Paket abgibt. Deshalb die Geschichte mit dem Park. Warum sonst dieses Versteckspiel?«

»Ja, sehr seltsam. Und worum geht‘s? Auf was muss ich mich einstellen?«

Wels starrte auf das Gemälde an der Wand ihm gegenüber und zählte die Punkte.

Henri-Edmond Cross. Vor dem Sturm. Natürlich kein Original.

 »Eine sehr eigenwillige Interpretation der Geschichte der letzten Jahrzehnte«, sagte er nach einer Weile. »Aber am besten, du machst dir selbst ein Bild und beginnst gleich mit den Recherchen. Je weniger ich dir erzähle, umso besser. Die Geschichte klingt so abstrus, … doch, wenn auch nur ein Bruchteil von dem stimmt, was da in diesen Dokumenten steht …«

Er sah Abarell eindringlich an.

»… dann könntest du, … könnten wir, … die gesamte Menschheit, große Schwierigkeiten bekommen. Deshalb mach das so unauffällig, wie möglich. Kein Aufsehen. Hörst du?«

Abarell nickte, verstand in diesem Augenblick jedoch nicht, was Wels damit meinte. Wenn er einen delikaten Auftrag von ihm annahm, dann war er immer sehr diskret vorgegangen. Diese Aufträge konnten, gut recherchiert und in einem reißerischen Artikel verfasst, der noch dazu Hand und Fuß hatte, gutes Geld einbringen. Sehr gutes Geld. Und Geld konnte er immer gebrauchen. Er wäre dumm, wenn eine dieser Storys durch eine Unachtsamkeit zu früh an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Oft wäre es auch seiner Gesundheit nicht zuträglich gewesen, wenn bestimmte Personengruppen zu früh von seinen Ermittlungen erfahren hätten.

Er nickte noch einmal, da Abarell ihn immer noch ansah, als würde er sich jetzt nicht mehr sicher sein, dass er der Richtige für diesen Job ist.

»Gut. Dann mach dich an die Arbeit. Ich werde dein Spesenkonto entsprechend aufstocken. Du musst mir nur regelmäßig Bericht erstatten. In zwei Wochen sehen wir uns wieder. Viel Glück.«

Abarell verstand. Wels würde heute auf keine seiner Fragen mehr antworten. Er zählte längst wieder die Punkte auf dem Gemälde, als Abarell mit dem Karton unter dem Arm, der gefühlte 20 Kilo auf die Waage brachte, das Büro verließ und sich auf den Heimweg machte.

Hoffentlich hat sich das Chaos da draußen aufgelöst. Ich möchte nicht noch einmal zwei Stunden schwitzend im Auto verbringen.

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